Frühstücksfische oder Warum Stadtpläne überbewertet sind

Gastbeitrag von Andreas P.

„Klar, mach ich. Aber dafür schreibst Du einen Gastbeitrag für meinen Blog“, sprach der Arbeitskollege H. und kam damit meiner Bitte um prioritäre Behandlung eines dringenden Anliegens entgegen. Wenn auch anders als erwartet. Ich fühle mich daher geehrt und genötigt zugleich, für „Wenn einer eine Reise tut“ schreiben dürfen zu müssen.

PANDRE_Tokio,-Shibuya-Crossing_250x180Es vereinten sich also auf dem Weg zu diesem Beitrag H.s mafiöse Ader und sein Interesse an meinem diesjährigen Urlaubsziel Japan. Und das zu Recht, denn wer wäre nicht an einer zweiwöchigen Reise auf einen anderen Planeten interessiert. 14 Tage mit dem Zug durch das Land der aufgehenden Sonne, 6 Stationen auf dem Weg, knapp 1400 Schienenkilometer lang und mit null Ahnung, was auf uns zukommen sollte.

Eines vorab: Es hat sich gelohnt.

Wer Japan bereist, legt sich binnen kürzester Zeit elementare Grundfertigkeiten zu. Dazu zählt, würdevoll mit Stäbchen Nudelsuppe zu essen. Dazu zählt auch Pantomime, denn nicht überall lässt sich mit der lokalen Bevölkerung eine gemeinsame Fremdsprache identifizieren. Dazu zählt ebenfalls, Toiletten neu bedienen zu lernen, löst doch der falsche Knopf einen Vorgang aus, den sonst üblicherweise die Krankenkasse bezahlt.

PANDRE_Kyoto,-unbeschreiblich_250x180Natürlich sind zwei Wochen bei weitem zu knapp, um ein allumfassendes Japan-Bild zu bekommen. Alleine Tokio, die erstaunlichste Stadt überhaupt, wäre einen mehrmonatigen Aufenthalt wert. Unverzichtbar fand ich den mehrtägigen Stopp in Kyoto, was nicht nur mit Okonomiyaki, der japanischen Pizza, zusammenhängt. Die Vielzahl an Tempeln, Schreinen und malerischen Strassenzügen ist überwältigend.
Wertvoll ist sicher ein Abstecher nach Hiroshima, heute eine lebendige und freundliche Grossstadt und vor etwas weniger als 70 Jahren Schauplatz eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte.

Horizonterweiterung pur ist die Übernachtung in einem traditionellen Gästehaus, genannt Ryokan. Anstelle von Betten schläft der Gast auf Futon-Matten, die abends ausgerollt werden. Tagsüber besteht der Raum im Wesentlichen aus einem niedrigen Tisch. Frühstück und Abendessen im japanischen Stil sind dabei – das heisst Fisch, Misosuppe und Reis zum Frühstück. Abends verbirgt sich in unzähligen Schüsselchen eventuell ein ganzer Oktopus, eingelegtes Gemüse in allen Formen und Farben sowie die Einsicht, dass Tofu tatsächlich richtig lecker sein kann.

PANDRE_Bewohner-der-Insel-Miyajima-und-seine-Ansicht-zu-den-Massenmedien_220x180Die Überraschung zum Schluss: Unbedingt empfehlenswert für den Japan-Reisenden ist die Stadt Osaka. Was wir nur als kurzen Aufenthalt vor dem Rückflug ab dem Flughafen Osaka geplant hatten, wäre rückblickend einen längeren Stopp wert gewesen. Dank der Lage an der Küste, der sehr schönen Innenstadt und auch der hervorragenden Küche der Region ist Osaka so etwas wie ein Geheimtipp, den kaum ein Reiseführer angemessen beschreibt.

A propos Reiseführer: Liebe Japan-Interessierte, vergesst Stadtpläne und Hausnummern. Selbst der „Lonely Planet“, der sonst zum Beispiel jedes Dorf in den schottischen Highlands akkurat abbildet, ist in Sachen Pläne nicht verlässlich. Das gilt auch für Google Maps und lokale Info-Tafeln. Empfehlenswert ist vielmehr, erstens viel Zeit für Orientierung einzuplanen und sich zweitens auf die Hilfsbereitschaft der Ortskundigen zu verlassen. Merke: Wer als Europäer so aussieht, als bräuchte er Hilfe mit dem Weg, braucht diese sicher, auch wenn er selbst anderer Meinung ist. Falls der Reisende dann doch einmal die falsche Richtung einschlägt, macht das auch nichts, es ist ja bekanntlich überall schön.

PANDRE_Shinkansen-im-Bahnhof-Okayama_220x180Würden wir noch einmal auf diese Reise gehen? Aber sicher. Die faszinierende Kultur, landschaftliche Schönheit und attraktive Küche sind gute Gründe, daneben macht Reisen in Japan dank Shinkansen und stolzen Taxifahrern mit weissen Handschuhen einfach Spass. Vielleicht kommt ja beim nächsten Mal auch der Fujiyama aus dem Nebel hervor.

 

Bilder (von oben nach unten):

  • Tokio, Shibuya Crossing
  • Kyoto, unbeschreiblich
  • Bewohner der Insel Miyajima und seine Ansicht zu den Massenmedien
  • Shinkansen im Bahnhof Okayama